Heiß und fettig, ein Sommer in Armenien

Der große Übergang

5 Uhr morgens, der Wecker klingelt.  Wir quälen uns aus dem Bett und machen uns auf in Richtung Marschrutka. Wie immer wird der Mini-Bus bis auf den letzten Platz vollgequetscht, sodass sogar das Atmen schwer fällt. Los geht’s Richtung Armenien!

Das Fahrzeug für alle Fälle – die Marschrutka

Die Straße dorthin ist das wohl schrecklichste Stück Schlaglochpiste, das wir je gesehen haben. Man hat den Eindruck, dass Georgien es den Reisenden möglichst schwer machen möchte nach Armenien zu kommen, so als würde dort nichts Besonderes auf einen warten. Als wir endlich an der Grenze angekommen sind, bibbern und frieren wir. Der Abschnitt liegt auf einem Hochplateau und trotz Sommer ist es hier erstaunlich kalt. Nachdem wir unsere letzten Lari umgetauscht haben geht es weiter, aber wie so typisch in der wunderbaren Welt der Marschrutkas nicht ganz ohne Pannen. Und Panne ist hier im wörtlichen Sinn gemeint. Unsere Marschrutka bleibt liegen, nichts geht mehr! Wir bleiben mitten in einem Dorf stehen, der Motor spuckt Öl und will einfach nicht mehr anspringen – und das kurz vor unserem Ziel. Aber die Fahrer hier scheinen nebenberuflich Mechaniker zu sein und mit etwas Rütteln und Schrauben geht es dann doch irgendwann weiter.  Armenien zeigt sich dann schnell anders als Georgien; viel trockner, weniger Vegetation. Wir befinden uns schon im Übergang zu den Steppen und Wüsten des Mittleren Ostens.

Landschaft zwischen Gyumri und Yerevan

Ihr dachtet, die Sache mit der “Holzklasse“ ist nur so ein Spruch? Dann schaut euch das an.

In Deutschland ist es heiß? Dann besucht erstmal Yerevan!

Ein paar Tage später kommen wir in der Hauptstadt an, Yerevan. Hier verkriechen wir uns tagsüber wie Höhlenmenschen in unserem Zimmer. Das nicht nur, weil es draußen 40 Grad hat und unerträglich heiß ist, sondern auch weil Leni sich den Magen verdorben hat und mit Fieber im Bett liegt. Yerevan fühlt sich ein wenig so an, als wäre man in der alten Sowjetunion. Die Architektur ist stark vom alten Sowjetstil geprägt (nein, wirklich nicht sehr schön) und Russisch ist quasi zweite Amtssprache. Die (von Soviets gestalteten) Kaskaden hoch gesprintet auf das Dach Yerevans, hat man an klaren Tagen einen guten Blick auf den Berg Ararat. Der heiligsten Berg der Armenier, von dem sie glauben, dass dort Noah mit seiner Arche gelandet ist. Die Armenier sagen, dass der Ararat ihnen gehört und sie ihn eigentlich nur an die Türkei ausgeliehen haben. Trotzdem ist es für sie eine Odyssee, dem Berg einen Besuch abzustatten. Ein direkter Grenzübertritt ist nicht möglich, so dass man als Armenier dafür einen Umweg von über 100 km auf sich nehmen muss. Die Beziehungen zur Türkei sind immer noch stark belastet, weil diese bis heute die Verbrechen am armenischen Volk leugnet und derlei Schikanen prägen das Miteinander bis heute.

Die Kaskaden von Yerevan

Du bist auf Diät? Dann mach einen großen Bogen um Armenien!

Sprechen wir über armenisches Essen: Es ist fettig, sehr fettig und sehr fleischlastig. Zum Frühstück gibt es vorzugsweise Spiegelei mit einem halben Kilo geschnittener und gebratener Lyonerwurst. Knoblauch ist praktisch in jedem Fleischgericht enthalten, und so heißt es entweder: Beide essen Fleisch oder einer von uns muss mit einer Wäscheklammer auf der Nase schlafen. Lavash, ein dünn gebackenes, fast meterlang zusammengefaltetes Brot ist überall zu haben und ergibt zusammen mit Schafskäse einen schnellen Mittagssnack von der Hand. Ansonsten ist es hier ähnlich wie in Georgien, es gibt Wein und viele Menschen versorgen sich über Eigenanbau im eigenen Garten selbst mit Obst und Gemüse. Nachdem wir schon in Georgien einen ordentlichen Anteil Weißbrot hatten, sehnen wir uns in Armenien doch so langsam zu unserem guten alten Vollkornbrot zurück. Vollkorn made in Germany rules!

Lavash (dünnes Brot) gefüllt mit Fleisch, frischen Kräutern und nicht zu wenig Zwiebeln

Geburtsort des Christentums

Armenien ist ein zutiefst christliches Land. Schon vor über 1.700 Jahren hat man dort das Christentum zur Staatsreligion gemacht, so früh wie in keinem anderen Land der Welt. Die Armenier sind sichtlich stolz auf diese lange Tradition und sagen über ihr eigenes Land, dass wenn man diesem den christlichen Glauben nähme, würde nichts mehr übrig bleiben. Die Klöster sind zum Teil uralt und versprühen einen besonderen Charme. Zwar sind die Anlagen oft durch inländische Touristen belagert, von denen jeder das schönste Selfie von sich schießen möchte, dennoch kann man spüren, dass der Glaube noch immer stark und intakt ist.

1.000 Jahre alte Gruft (ob in den Gräbern noch menschliche Überreste sind?)

Per Anhalter durch Armenien

Zum ersten Mal auf unserer Reise trampen wir, und was wir dabei erleben, ist wirklich aufregend. Zunächst zieht der Verkehr zäh an uns vorbei und die Autofahrer winken nur ab, irgendwann aber halten zwei Mädels aus Bologna, Ciao! Das Auto ist eigentlich voll, aber nach etwas Umschichten und Quetschen passen wir irgendwie samt unseren Rucksäcken auf die Rückbank des kleinen Flitzers und schon geht’s los. Wie sich herausstellt sind die beiden Italienerinnen gerade mit dem Auto für zwei Wochen in Georgien und Armenien unterwegs. 120 km weiter verabschieden wir uns von den beiden und möchten mit den “Wings of Tatev“, der längsten Seilbahn der Welt, rüber zum Kloster “fliegen“. Wir haben Pech, denn die nächsten Tickets gibt es erst wieder in 3 Stunden, also beschließen wir, doch einfach dorthin weiter zu trampen. In Summe sind wir an diesem Tag in 4 verschiedenen Autos mitgefahren und haben sehr interessante Menschen kennengelernt!

Anhalten, bitte! Abenteuer Trampen in Armenien

Lohnt sich die Reise nach Armenien?

Bevor wir nach Armenien kommen, hören wir von der großen Gastfreundschaft dieses Volkes. Leider sind wir aber lange auf der Suche nach derselben, bis wir bei vereinzelten netten Begegnungen eine Vorstellung davon bekommen, was gemeint ist. Zum ersten Mal sind wir nicht nur Fremde, sondern fühlen uns auch so. Wir werden weder mit offenen Armen empfangen, noch scheinen die Armenier ein besonderes Interesse an uns zu haben. Dieser Eindruck steht im deutlichen Kontrast zu unseren Erfahrungen in Georgien und zum ersten Mal auf unserer Reise fällt uns der Abschied nicht schwer. Wir wollen Armenien und seinen Menschen kein Unrecht antun, letztendlich sind die Erfahrungen auf einer Reise immer sehr subjektiv. Vielleicht war die Stimmung in der Gesellschaft auch noch etwas angespannt nach den politischen Unruhen zu Beginn des Sommers. Trotz allem, haben wir einen recht guten Eindruck von Armenien bekommen und können festhalten, dass es einen großen Unterschied zwischen der Hauptstadt und dem Rest des Landes gibt, der sehr ländlich geprägt ist. Wie jede Reise hat sich für uns auch diese gelohnt, für ein Wiedersehen ist der Funke leider nicht übergesprungen. In diesem Sinne heißt es für uns erstmal “Ciao Armenia!“.

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2 Antworten

  1. Patrick sagt:

    Auf dem Bild in dem Zug siehst du eher aus wie:” Hoffentlich gibts nicht schon wieder Brot” hahah.