Auf dem Weg nach Belgrad

Am Küchentisch, Ende November 2019…

“Wohin fährst du denn jetzt?”, fragt Leni. “Keine Ahnung, ich weiss nicht was ich machen soll … vielleicht nach Belgrad?”. Ich fahr’ dich zum Bahnhof. Komm’, pack deine Sachen.” Ich schaue auf die Uhr, 08:35 Uhr. “Das wird verdammt knapp, der Bus fährt um 09:15 Uhr. Reicht das überhaupt noch?”.

Fünf Minuten später sitzen wir im Auto auf dem Weg zum Bahnhof. Immer wieder versuche ich unauffällig die Uhrzeit vom Amaturenbrett abzulesen. Reicht es noch? Ein Teil in mir hofft zu diesem Zeitpunkt, dass wir zu spät dran sind, der Bus schon abgefahren ist. Meine ungeplante und irrationale Entscheidung, mal eben auf den Balkan zu fahren, folgenlos bleibt. Bleibt sie aber nicht. Wir sind noch rechtzeitig dran.

Ich schnalle meinen Rucksack auf, der sich sechs Monate nach dem Ende unserer Reise noch so vertraut anfühlt wie ein gutes Paar Schuhe, und laufe zur Haltebucht. Der Busfahrer spricht zwar nur gebrochen Deutsch, aber mir wird auch so schnell klar, dass er es eilig hat. Während ich ein Ticket ziehe, realisiere ich noch nicht, was ich da gerade eigentlich mache. Kaum habe ich mich gesetzt fahren wir auch schon los. Nächster Stopp: Zagreb, Kroatien.

Die Schockstarre währt nur kurz. Bald werden Erinnerungen wach. Die vertrauten Geräusche am Bahnhof, die Hektik vor der Abfahrt, das Eintauchen in die Masse fremder Menschen, die zunächst nur durch ein gemeinsames Reiseziel miteinander verbunden sind. Ich bekomme Reisefieber und auch wenn es ein wenig übertrieben klingt: Als der Bus losfährt fühle ich mich wieder ein kleines bisschen wie ein Abenteurer. 20 Stunden Busfahrt liegen vor mir. 20 Stunden abwechselnd schnarchende, schmatzende oder lautstark telefonierende Mitfahrer um mich herum. Egal, all diese Eindrücke, das manchmal Unbequeme, das macht eine Reise aus. Unterscheidet sie vom normalen Urlaubstrip, egal ob es sich dabei um wenige Tage handelt, so wie jetzt, oder um Wochen oder gar Monate.

Dobro jutro

Mit steifem Nacken komme ich um 5:25 Uhr in Belgrad an. An Schlaf war nicht zu denken. Irgendwann, es muss bei Stunde 8:32 gewesen sein, habe ich es entnervt aufgegeben, eine auch nur halbwegs bequeme Schlafposition zu finden. Dass der Busfahrer ohne erkennbaren Anlass auf serbisch ins Mikrofon schreit, dass wir jetzt da sind, das gibt mir den Rest. Also: Ankunft in Belgrad, steifer Nacken, eingeschlafenes Gesäß, dunkle Ringe unter den Augen. Kann los gehen. Egal, ich brauche das. Dieses Gefühl, in der Fremde zu sein. Den Kopf frei zu bekommen und mich zu erholen. Nicht im Sinne von guter Schlafqualität oder Ausspannen, sondern durch neue Eindrücke und Erlebnisse. Diese Erlebnisse sind es, die mir den Alltagsstress nehmen und mich neu beleben und genau das brauche ich jetzt.

Aber zurück zu besagtem Morgen in Belgrad. Jetzt nen Kaffee, denke ich mir. Es stellt sich jedoch schnell heraus, dass zu so früher Stunde nur eine Handvoll Etablissements von zweifelhaftem Charakter geöffnet hat. Es gibt Instant-Cappuccino. Auch das weckt Erinnerungen an die Weltreise.

Die Stadt schläft noch

Typisch Belgrader Atmosphäre beim Betreten meines Hostels

Als ich das Bahnhofs-Café wenig gestärkt verlassen, versuche ich mir einen ersten Überblick zu verschaffen. Die Straßen sind praktisch leer, Belgrad noch im Schlaf. Es ist eine sonderbare Stimmung. Die vielen verfallenen Gebäude, die Graffitis überall, das alles erinnert mich stark an Südamerika. Doch im Gegensatz zum Kontinent eines Jair Bolsonaro, Nicolas Maduro oder Ivan Duque fühle ich mich hier spontan sicher vor Überfällen und Raub. Ich kann nich erklären, woran das liegt. Bauchgefühl. Bei manchen Gebäuden habe ich ernsthafte Zweifel, ob darin noch Menschen leben. Doch selbstverständlich sind die allermeisten nach wie vor bewohnt.

Es dauert auch nicht lange, da verfliegt die Ruhe. Mit den ersten Sonnenstrahlen strömen die Menschen aus den vormals noch sinister wirkenden Hauseingängen. Leute führen ihre Hunde aus, oft in einen der vielen Parks, die Belgrad zuhauf bietet. Schon nach kurzer Zeit gleicht die Stadt einem Ameisenhaufen. Dutzende Bäckereien holen den Rolladen ein und bringen ihre meist schweren und fettigen Speisen unter die Leute. Stände werden auf der Straße errichtet, alte Frauen und Männer bestücken einen Flohmarkt und warten anschließend stoisch auf einen Abnehmer für ihren Plunder. Natürlich nicht ohne das auf dem Balkan typische Zanken und Fluchen bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Flohmarkt früh Morgens

Die Kaffees füllen sich mit schwatzenden und paffenden Menschen. Belgrad und Kaffee, das ist sowieso eine spezielle Beziehung. Wenn es eine Leidenschaft neben dem Kette-Rauchen zu geben scheint, dann der Kaffeekonsum. Kaum eine Straßenecke ohne das obligatorische “caffe”. Rauchverbot gibts zwar offiziell, interessiert aber niemanden. Im Zweifel reicht der Hinweis an der Eingangstür, schon gilt das Lokal als rauchfrei. Natürlich sitzen dann trotzdem paffende Serben in jeder Ecke. Macht nichts, die Kaffeekultur hier gefällt mir dennoch. Und auch sonst hat die Stadt einen morbiden Charme, der sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Belgrad ist eine gezeichnete Stadt, in vielerlei Hinsicht.

Hier hausen nur noch Flüchtlinge, die auf ihrem Weg gen Westeuropa in Serbien gestrandet sind

Über Jahrhunderte war Belgrad umkämpft, im Spannungsfeld zwischen Ost und West. Die Osmanen haben hier mehr als drei Jahrhunderte geherrscht und hinterließen ein reichhaltiges Erbe. Muslimische Paläste, die Serails, hunderte Moscheen und auch einige der typisch osmanischen Hamams. Geblieben ist davon wenig. Eine einzige klägliche Moschee hat überdauert und die früher zahlreichen türkischen Wohngebäude sind ebenfalls fast vollständig verschwunden. Im Zweiten Weltkrieg hat Hitler ein “Strafgericht” über Belgrad verhängt. Jugoslawien, wovon Serbein zu dieser Zeit noch ein Teil gewesen ist, hatte sich der Sowjetunion angenähert hat. In der Folge wurde die Stadt von der Luftwaffe bombardiert, mit sichtbaren Zeichen der Verwüstung bis heute. Zuletzt trug die Stadt im Kosovokrieg Narben davon. Die Überreste mancher Gebäude die damals zerstört wurden, stehen zum Teil noch immer – übersäht mit Einschusslöchern.

Kreative Foto-Kunst rund um den Studentski Park

Was ist Belgrad?, frage ich mich unweigerlich. Was macht die Stadt und seine Einwohner aus? Viele wollen weg, auch nach Deutschland. Die wirtschaftlichen Perspektiven, die Unsicherheit, treibt viele, vor allem junge Menschen, aus dem Land. Trotzdem: Die Stadt hat etwas Dauerhaftes an sich, einen festen Kern. Die Serben waren schon immer unbeugsam. Neben der Abwanderung gibt es deshalb auch die andere Seite, die bleibt. Beispielsweise eine junge und dymanische Künstlerszene. Belgrad wird weiter im Wandel bleiben, vielleicht ist auch genau das, was die Stadt so interessant macht. So wird es sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich die Stadt besucht habe.

Mein Abschied verläuft ähnlich wie die Ankunft: Ich trinke Kaffee. Es ist 23:15 Uhr. Noch 15 Minuten bis der Bus abfährt, es wird wieder eine lange Nacht.

 

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