Behind the scenes oder auch Weltreise ungeschminkt

Momente in denen man sich mal kurz nach Hause wünscht

1) Kranksein

Ich sitze in unserem kleinen Zimmer auf der Couch mit dem grünen Polster, wo ich es mir gerade so bequem machen kann. Immer wieder werfe ich einen Blick auf unser Bett, wo Phips immer noch liegt. Ziemlich ungewöhnlich für ihn, es ist mittlerweile 13:30 Uhr. Dass er heute nicht raus kommt liegt leider nicht daran, dass es gestern spät wurde oder das Bett so einladend ist (trotz hochwertiger Unterkunft für indische Verhältnisse, verdammt unbequem!). Nein! Da war es mal wieder: das Essen. Mein erster Gang nach einem schnellen Frühstück, das ich heute leider alleine einnehme, führt mich also zu der nächst besten Apotheke. Draußen erwartet mich der gewöhnliche Indische-Städte-Alltag. Es ist laut, dreckig und das gewöhnliche Chaos ist bereits in vollem Gange. Zwischen hupenden Tuk-Tuks, egoistischen Autofahrern und Garküchen, die ihre unverwechselbaren Gerüche verbreiten, mache ich mich auf die Suche. Nicht die Nerven verlieren! Einfach Ausblenden! So ist es hier halt! Hauptsache irgendwo ist eine Apotheke, oder so was ähnliches! Direkt an der Straße finde ich einen kleinen Drugstore, wo ich dem netten Inder, der kaum Englisch spricht, irgendwie erkläre, was ich brauche. Zurück in der Krankenhöhle lese ich erstmal nach, was da jetzt eigentlich so schnell über den Ladentisch in meiner Tasche gelandet ist. Antibiotika, natürlich! Der Rest für die aktuelle Symptomatik eigentlich völlig unbrauchbar. Und jetzt? Mal wieder sind wir auf uns allein gestellt, müssen selbst die richtige Entscheidung treffen uns in Gelassenheit üben und darauf vertrauen das Richtige zu tun. Alles wird gut!

Krankenhausaufenthalt in Karachi

2) Ausblenden geht und darf nicht immer

Wir haben in den letzten Monaten für die jeweilige Zeit viele ungewöhnliche klimatische Gegebenheiten so deutlich erlebt, dass uns schnell klar war: Das ist Klimawandel! Plötzliche Überflutung durch Starkregen (längst nach Ende der Regenzeit) in Amritsar, Hochwasser und Sturm in Südindien durch einen Zyklon in Sri Lanka, Starkregen in Thailand, brütende Hitze mit Rekordzahlen in Teheran, heißester Sommer in Yerewan, leere Salzwasserseen in der Wüste Lut in Iran, schmelzende Gletscher in Pakistan. Hier hört für uns das Ausblenden auf! Zu Hause war das oft noch diffus, wir hören ständig davon, und was folgt? Zum ersten Mal hören wir nicht nur davon, wir können es sehen und spüren, sind also live dabei! Für uns stellt sich die Frage: Was machen wir aus dieser Erfahrung und wie viel ist unsere Erde uns wert?

3) Plastic everywhere

Für mich immer wieder besonders schlimm und oft schwer mit den überwiegend positiven Erfahrungen vereinbar: Überall dieser Müll! Wunderschöne Landteile die touristisch so gut wie unerschlossen sind plus Müll. Felder ohne eine Menschenseele plus Müll. Bekannte Sehenswürdigkeiten plus Müll. Kleine Städte und Dörfer, deren Straßengräben voll mit Müll sind. Meere, Seen und Flüsse auf denen ganze Seen von Plastikmüll schwimmen. Traumstrände in Goa, wunderschön und einzigartig, die den Titel Traumstrand mehr als verdient hätten, wäre da nicht der Müll. Tiere, heilige Kühe, die sich vom am Straßenrand entsorgten Hausmüll ernähren. Sinnlose Dreifachverpackungen, für jedes Getränk einen Strohhalm, für jede Banane eine Tüte. Etliche Zugfahrten, wo die Natur als große Mülleimer dient. Essensverpackungen, Plastikbesteck und Plastikflaschen werden ungeniert nach Gebrauch aus dem Fenster geworfen. Und besonders hier merke ich was mir besonders zu schaffen macht. Es ist die Haltung der Menschen die sie verkörpern und die Tatsache dass sie oft ein Kind an der Hand haben, das mit großen Augen zuschaut wie es geht. Ungeniert, unwissend, egoistisch, stumpf. Völlig unbekümmert, wenn ich sie währenddessen kopfschüttelnd beobachte, lachend wenn ich sie darauf anspreche. Hinzu kommt der unendliche und unüberlegt Konsum von Plastik weltweit!

Müll und übler Gestank, Brahmaputra Indien

Immer wieder diskutieren wir: Wo tragen wir selbst dazu bei? Welche Rolle spielt der Tourismus und die Bildung in den einzelnen Ländern? Was ist Teil der Kultur? Wie schaffen wir es uns uns wieder davon zu distanzieren ohne egoistisch zu sein? Und am Wichtigsten:

WAS KÖNNEN WIR SELBST VERÄNDERN UND BESSER MACHEN?

Als ich mit dem Schreiben dieses Eintrags fertig bin, fällt mir ein, was ich total vergessen habe. Die Herausforderungen während unendlich langen Zugfahrten, beispielsweise in der klassisch indischen Sleeperclass und das fast tägliche Verlassen der eigenen Comfortzone, wenn es um die Hygiene der Essenszubereitung, des Bettbezuges oder der Toiletten geht.

Okay, genug! Das wäre dann wohl ein weiterer Eintrag für sich…

Zugfahren in Indien, unendliche Distanzen

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5 Antworten

  1. Andrea sagt:

    Liebe Leni, lieber Philipp, durch eure wunderbare Schreibweise und die faszinierenden Bilder bin ich euch so nah!
    Ich fiebere jedem Blog von euch entgegen.

  2. Jörg Hahn sagt:

    Hallo Leni, hallo Philipp, habe gerade mehrere Monate und Länder am Stück mit Riesenspannung nachvollzogen. Konnte mir alles sehr plastisch vorstellen, da Ihr es so anschaulich beschreibt! Dennoch können sicher nicht alle Eindrücke und Erfahrungen in voller Tiefe und Realität hier ankommen! Finde es superklasse wie Ihr das managt. Werde den blog ab jetzt häufiger besuchen. Herzlichen Gruss, Jörg

    • Leni sagt:

      Hallo Jörg, erst kürzlich habe ich an dich gedacht, umso mehr freue ich mich von dir zu hören! Du triffst es ziemlich auf den Punkt. Wir sind glücklich wenn wir ein bisschen was rüberbringen können, aber vieles was wir erleben und sehen ist so unbeschreiblich und komplex dass man es eigentlich selbst erleben muss.
      Ich hoffe es geht dir gut und schicke dir viele liebe Grüße nach Hause
      Leni

  3. Hallo Ihr zwei Weltenbummler. Gratulation zur Halbzeit. Weiterhin Bewunderung für euren Mut. Wir lassen uns schon von Schneechaos in den Alpen vom geplanten Langlaufurlaub am Sonntag schweren Herzens abbringen. Endlich kann Tamara nun als “Schützin” wieder mit trainieren und hat gleich einen sensationellen Silvesterlauf hingelegt. Bin mal gespannt wie die Kondition nach eurer Rückkehr ist, die Atmung beim Treppensteigen im Podcast erinnert mich an meine Wettkämpfe. Mir reichen eigentlich die Matratzen, Reifen, Windelsäcke in unseren Wäldern, auch die McDonald gezeichneten Straßenränder bei uns – aber nach eurer Indientour werdet ihr das in Deutschland nicht mehr wahrnehmen. Bleibt gesund und weiterhin so wissensdurstig auf eurer 2. Halbzeit. Es grüßt euch herzlich Günter

    • Leni sagt:

      Hallo Günter
      Keine Sorge, trotz schwerer Atmung bin ich nach wie vor fit + wenn Tammy uns jetzt wieder vertritt ist doch alles prima(und ich kann erst recht noch eine Weile meine Knie schonen).
      Klar, ist unser Landschaftsbild kein Vgl. zu Indien, ich denke aber trotzdem wir werden mit noch sensibleren Augen+Verstand für unnötige Vermüllung zurück kommen und dies mindestens genau so sehr wie davor(wenn nicht sogar noch mehr) wahrnehmen. Danke wie immer für deine netten Worte! Liebe Grüße von der Rückbank eines völlig überladenen Protons(malayischer Kleinwagen) der uns starke 300km weit(-er) an unser nächstes Ziel bringt,…
      Leni